Und wenn sie uns nicht ignorieren?

Ein Stück psychonautischer Geschichtsschreibung

Markus Berger

Es ist so eine Sache mit der Sprache. Wenn man als Schreiber versucht, ein gewisses Themengebiet einer wie auch immer gearteten Öffentlichkeit nahezubringen, ist man auf die Existenz suffizienter Termini angewiesen. Zuweilen allerdings vermisst man solche griffigen und eingängigen Bezeichnungen, die einen Sachverhalt oder eine Begrifflichkeit auf den Punkt zu bringen vermögen. So erging es auch mir, als ich um die Jahrtausendwende begann, meine Forschungen und Erkenntnisse zu den psychoaktiven Drogen niederzuschreiben. Hunderte Bücher, Magazine und Artikel von sämtlichen internationalen Kollegen umgaben mich, gefühlte Tausende von Abhandlungen über die geistbewegenden Substanzen, Pflanzen, Pilze, Tiere usw. hatte ich damals bereits aufgesogen, und trotzdem ereilte mich als frisch gebackenen Schreiber ein Mangel. Ein Mangel an Vokabular nämlich.

Hatte ich mich mit Hingabe der Erforschung sämtlicher psychoaktiver Moleküle verschrieben (man beachte das Wortspiel), fiel es mir zunehmend schwer, eben jene auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Wie bezeichnet man eine solche Vielfalt von pharmakologisch aktiven Prinzipien, die unterm Strich nur eines gemeinsam haben: eine Wirkung auf unser Seelenleben, auf das, was man gemeinhin unseren Geist zu nennen gewohnt ist? Genau hier begann die Schwierigkeit. Mein Studium der zahlreichen Werke von Drogenforscherkollegen hatte es mir aufgezeigt: Niemand hatte bisher eine geeignete Sammelbezeichung für all diese Stoffe, die so verschieden sein können, gefunden. Kollege Christian Rätsch bringt es in einem Interview, das er dem Spiegel gab, auf den Punkt: „Der einzige gemeinsame Nenner von so komplett unterschiedlichen Wirkstoffen wie Nikotin, Alkohol und LSD liegt im Wort psychoaktiv“ (Spiegel 23 vom 3. Juni 2013, Seite 116).

Wie nennt man also die Summe der geistbewegenden Moleküle? (Und schon stecke ich per instant Flash Back gedanklich wieder in der verkopften Zwickmühle von Anfang der 2000er.) Der bis dahin gängige und einzige Begriff war: psychoaktive Substanzen. Diese Bezeichnung konnte mich als Schreiber und Forscher allerdings nicht befriedigen. Der Begriff „psychoaktive Substanzen“ ist erstens irgendwie sperrig und viel zu lang und schließt mir zweitens, zumindest assoziativ, die pflanzlichen Organismen zu sehr aus. Beim Wort Substanz denken die meisten Menschen vermutlich an chemische Erzeugnisse, an reine Moleküle, an synthetische Stoffe (egal, ob im Labor oder in einem lebendigen Organismus synthetisiert) und so weiter. Die Bezeichnung „psychoaktive Substanzen“ bedarf also in der Schlussfolgerung immer einer Erklärung, was damit eigentlich gemeint sei. Der Begriff „psychoaktive Pflanzen“ hingegen schließt wiederum die Pilze, die synthetischen Stoffe und auch die endogenen psychoaktiven Liganden aus. Die Termini Psychedelika, Halluzinogene, Entheogene usw. sind ebenfalls insuffizient, um alle geistbewegenden Stoffe zu erfassen, umfassen bzw. beschreiben sie doch lediglich die Gruppe der psychedelisch wirksamen Moleküle und Produkte. Kurzum: Keines der damals verfügbaren und gebräuchlichen Wörter war geeignet, die Gesamtheit der psychopharmakologisch aktiven Verbindungen unter einen Hut zu bringen.

Genau dieser Mangel stieß mich letztlich dazu an, mein eigenes Wort zu kreieren, das ich künftig für die Beschreibung aller psychotropen Stoffe gebrauchen würde – das Wort „Psychoaktiva“ war geboren. Ein Terminus, so einfach und leicht verständlich. Ein Terminus, der alle psychopharmakologischen Eigenschaften oder Zustände umfasst, egal ob es sich um sedativ, narkotisch, anregend oder psychedelisch wirksame Moleküle, Produkte, Gewächse oder was auch immer handelt. Dieses Wort – Psychoaktiva (Singular: Psychoaktivum) – war in keiner einzigen Quelle der Drogenliteratur zu finden. In keinem Buch, in keinem Artikel, in keinem Magazin und keinem psychonautischen Vortrag. Das Wort Psychoaktiva gab es schlicht nicht. Nicht mal ein Übersetzer war jemals auf die Idee gekommen, dieses Wort einzuführen, um es sich selber und dem Leser leichter zu machen. Okay, dachte ich mir, dann werde ich ab jetzt dies Wort benutzen – und versuchen zu etablieren.

Ohne weitere „Werbung“ bzw. ohne großartige oder gar offizielle Verkündung dieses Neologismus, dafür aber durch die stetige Benutzung dieses von mir geprägten Begriffs hat es der Terminus „Psychoaktiva“ im Lauf der Zeit geschafft, sich im Sprachschatz der Psychonauten zu etablieren.

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Signet/Logo der Serie im Hanf Journal von 2003/2004

Ich habe den Begriff zum ersten Mal in der mittlerweile leider eingestellten Zeitschrift Entheogene Blätter verwendet. Das war im Jahr 2002 – in welchem Artikel und in welcher Ausgabe der Entheogenen Blätter ich das Wort zu allererst gebrauchte, weiß ich nicht mehr. Eine Recherche im Fundus des Magazins würde sicherlich ein genaues Datum zum Vorschein bringen. Anschließend benutzte ich das Wort Psychoaktiva für eine eigene, 14-teilige Serie des Blattes Hanf Journal, in der ich alle möglichen Drogen in kurzen Kolumnen besprochen hatte. Die Serie ist bis heute online abruf- und lesbar. Danach betitelte ich wieder eine Serie, diesmal im Marijuana-Magazin grow!, mit meiner Wortneuschöpfung: Bei „Vergiftungen mit Psychoaktiva“ handelte es sich um eine siebenteilige Reihe (gestartet 2003) zu medizinischen Notfällen, die mit dem (vornehmlich unsachgemäßen) Gebrauch von Drogen resultieren können. Darüber hinaus verwendete ich die Vokabel Psychoaktiva in meinen Büchern, Vorträgen, Zeitschriftenartikeln, Onlineprodukten, TV-Sendungen und so weiter und so fort. Besonderen Einfluss hatte meines Erachtens mein Vortrag „Psychoaktiva sind überall!“, den ich auf der zweiten Auflage des von Hartwin Rohde (Entheogene Blätter) und mir ins Leben gerufenen Psychonautenkongresses Entheovision 2004 zum ersten Mal hielt und seitdem – in abgewandelter Form – immer wieder zum Besten gebe.

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Diese Serie startete ebenfalls 2003 im grow!-Magazin

 

Heute lese ich den Begriff in zahlreichen Texten, die nicht aus meiner Feder stammen – mittlerweile kommt das Wort „Psychoaktiva“ als Ober- und Sammelbegriff für alle geistbewegenden Prinzipien und Produkte in den einschlägigen Publikationen und im Wortschatz der Psychonauten zunehmend häufiger vor. Das Wort hat sich etabliert.

Ich lese beispielsweise, und um nur einige Beispiele zu bemühen, in den deutschen Übersetzungen des Nachtschatten Verlags der Werke von Ralph Metzner das Wort „Psychoaktiva“ (Übersetzerin Chris Heidrich) und auch unter anderem in Werner Piepers Buch „Alles schien möglich – 60 Sechziger über die 60er Jahre“ finde ich den Satz: „Respekt all meinen (ex-)Kollegen, wie auch all jenen, die ohne Psychoaktiva mir sich, ihren nächsten und dem Leben klarkommen“ (Seite 91), und auch der in Holland ansässige Ethnobotanik- und Smartshophändler Shayana Shop listet auf seiner deutschsprachigen Sektion die zu verkaufenden Substanzen und Produkte unter dem Oberbegriff Psychoaktiva. Sogar ein eigenes Forum gibt es mittlerweile, das sich nach meiner Wortschöpfung benennt: Das Forum psychoaktiva.xobor.de ist nach Angaben der Macher eine Plattform für „jeden neuen und guten Psychonauten. Ihr habt bei uns die Möglichkeit, über alles Rund um Psychoaktiva (und natürlich auch über andere Dinge) zu diskutieren.“

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Ausschnitt aus einem Screenshot des Shayana-Shops

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Screenshot einer Ergebnisseite für das Suchwort „Psychoaktiva“ auf Google

 

Der Begriff „Psychoaktiva“ wird heute nicht nur von enthusiastischen Psychonauten benutzt, sondern auch von der Wissenschaft. So unter anderem in einer Promotionsarbeit des Titels „Eigengebrauch psychoaktiver Substanzen in medizinisch-therapeutischen Berufen: Eine methodenintegrative Studie über Formen und Kontexte des kontrollierten Konsums illegaler Drogen“ von Dr. sc. Hum. Jan Weinhold. Der schreibt zum Beispiel: „Ein Ziel dieser Arbeit ist die empirische Deskription und Analyse von Gebrauchsmustern, -formen und -kontexten illegaler psychoaktiver Substanzen (‚Drogen’) bei Ärzten, Psychologen und Psychotherapeuten. Ein zweites Ziel ist die Entwicklung eines Modells zur systematischen Erforschung des kontrollierten Konsums von illegalen Psychoaktiva“ (einzusehen unter http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/volltextserver/12281/1/Weinhold.pdf).

Diese paar Beispiele zeigen schon deutlich, wie sehr sich mein Neologismus aus dem Jahr 2002 heute, zwölf Jahre später, in der Sprache verankert hat. Vergessen wir nicht: Auch seit Jahrzehnten gängige und nicht mehr wegzudenkende Begriffe, wie zum Beispiel Entheogen/entheogen (das Heilige oder Göttliche im menschlichen Bewusstsein enthüllen), waren ebenfalls einstmals als Wortneuschöpfungen willentlich geprägt worden – in diesem Fall 1970 von einer Forschergruppe um R. Gordon Wasson und Jonathan Ott.

Interessant, wie sich die Dinge entwickeln – ich bin gespannt, wie wohl in zehn Jahren eine diesbezügliche Rückschau und Bestandaufnahme aussehen wird.

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